Ein alter Esel arbeitet viele Jahre auf einem Hof. Eines Tages sagt der Bauer: —Du bist zu alt. Du sollst nicht mehr bleiben.
Der Esel seufzt und geht fort. —Ich gehe nach Bremen —denkt er—. Dort werde ich Stadtmusikant. Ich kann noch schreien.
Auf dem Weg trifft er einen Hund. Der Hund ist auch alt und müde. —Komm mit nach Bremen —sagt der Esel—. Wir singen zusammen.
Bald kommt eine Katze mit traurigen Augen. —Meine Zähne sind schwach —sagt sie. —Dann mach Musik mit uns —sagt der Esel.
Zuletzt sitzt ein Hahn auf einem Zaun und kräht laut. —Morgen soll ich in den Topf —klagt er. —Nein —sagt der Esel—. Komm nach Bremen. Vier Stimmen sind besser als eine.
Die vier Tiere laufen den ganzen Tag. Abends sehen sie ein Licht im Wald. Es ist ein Haus. Drinnen sitzen Räuber am Tisch mit Essen und Gold. —Wir haben Hunger —flüstert der Hund. —Dann machen wir Konzert —sagt der Esel.
Der Esel stellt sich ans Fenster. Der Hund springt auf den Esel. Die Katze auf den Hund. Der Hahn ganz nach oben. Zusammen schreien, bellen, miauen und krähen sie so laut, dass die Scheiben zittern.
Die Räuber springen auf. —Ein Gespenst! —schreien sie und rennen in den Wald.
Die Tiere gehen hinein. Sie essen Brot und Käse und schlafen im warmen Haus: der Esel im Stroh, der Hund hinter der Tür, die Katze am Ofen, der Hahn auf dem Balken.
In der Nacht kommt ein Räuber leise zurück. Die Katze kratzt, der Hund beißt, der Esel schlägt aus, der Hahn kräht. Der Räuber flieht für immer.
Am Morgen scheint die Sonne. Die vier Freunde sehen sich an. —Bremen kann warten —sagt der Esel—. Hier ist gut.
Sie bleiben in dem Haus im Wald. Manchmal singen sie abends trotzdem, nicht für die Stadt, sondern für sich. Und der Weg nach Bremen liegt still unter den Sternen, während vier alte Tiere endlich in Ruhe schlafen.
Die Sonne sinkt langsam. Auf der Straße hört man Schritte, eine Tür, einen Hund. Niemand rennt. Das Dorf hat seinen normalen Rhythmus.
Es vergehen ein paar stille Minuten. Dann ruft eine ferne Stimme einen Namen. Ein Wagen rollt über Steine. Es riecht nach Brot und nasser Erde.
—Alles gut? —fragt eine Nachbarin aus dem Fenster. —Ja —antwortet man von unten—. Nur ein langer Tag.
Im Haus ist das Lampenlicht klein und gelb. Es gibt einen Stuhl, einen Tisch, einen Krug Wasser. Jemand schenkt ein Glas ein. Jemand setzt sich. Jemand sieht einen Moment zur Tür, als warte noch ein Besuch.
Draußen wird der Himmel dunkel. Die ersten Sterne kommen. Der Wind bewegt einen Ast. Eine Katze geht ohne Eile über den Hof. Auch die Nacht hat keine Eile.
Vor dem Schlafen wiederholen sie leise, was passiert ist: der Weg, die Angst, das Lachen, die Rückkehr. Es braucht keine Rede. Es reicht, zu Hause zu sein, mit ordentlichem Tisch und geschlossenem Fenster. Morgen wacht das Dorf wieder auf, und die Geschichte bleibt im Gedächtnis wie ein Märchen am Feuer.
Am nächsten Morgen wacht das Dorf mit einem fernen Glockenton auf. Fenster gehen auf. Man hört Wasser, Brot, ein Lachen im Hof. Wer das Abenteuer erlebt hat, steht ein wenig müde auf, aber leichter.
Auf dem Markt erzählt jemand Stücke der Geschichte. Nicht alle Details sind gleich: jeder erinnert etwas anderes — ein Haus, einen Namen, einen Brunnen, einen Frosch, einen Weg. Das ist normal. Lebendige Geschichten ändern sich ein wenig, wenn sie von Mund zu Mund gehen.
Gegen Mittag füllen sich die Straßen. Die Sonne steht hoch. Man kauft Obst, grüßt, geht mit Taschen nach Hause. Die Angst von gestern wirkt bei Tageslicht kleiner. Es bleibt aber ein Faden Staunen, wie ein Stein in der Tasche.
Am Nachmittag gibt es Zeit zum Ruhen. Ein Stuhl im Schatten. Ein Glas Wasser. Ein Kind fragt: «Und dann?» Der Erwachsene lächelt und antwortet ruhig, ohne Eile, denn das wahre Ende ist dies: wieder hier zu sein, zusammen, mit freien Händen und einem Haus, das der Luft offensteht.
