Ein fleißiges Mädchen wohnt bei einer harten Frau. Jeden Tag muss es spinnen, kehren und Wasser holen. Die Tochter der Frau ist faul und bleibt im Bett. Eines Tages sitzt das fleißige Mädchen am Brunnen und spinnt. Die Spindel fällt in das tiefe Wasser. —Oh nein!
Sie springt dem Spindel nach — und fällt in den Brunnen. Plötzlich liegt sie auf einer weichen Wiese in einer anderen Welt. Der Himmel ist hell. Ein Ofen ruft: —Nimm das Brot raus, sonst verbrennt es!
Das Mädchen hilft. Ein Apfelbaum ruft: —Schüttle mich, die Äpfel sind reif!
Sie schüttelt den Baum. Dann kommt sie zu einem kleinen Haus. Dort wohnt Frau Holle, eine alte Frau mit freundlichen Augen. —Bleib bei mir —sagt Frau Holle—. Schüttle mein Bett gut. Wenn die Federn fliegen, schneit es auf der Welt.
Das Mädchen arbeitet sorgfältig. Jeden Tag macht sie das Bett flauschig. Federn fliegen wie Schnee. Nach vielen Tagen hat sie Heimweh. —Du warst brav —sagt Frau Holle—. Geh durch dieses Tor.
Als das Mädchen durch das Tor geht, fällt Goldregen auf sie. Sie kommt reich und glänzend nach Hause. Die harte Frau staunt. Sie will dasselbe für ihre faule Tochter.
Die faule Tochter springt absichtlich in den Brunnen. Aber sie hilft dem Ofen nicht. Sie schüttelt den Baum nicht. Bei Frau Holle schüttelt sie das Bett nur faul. Federn fliegen kaum. —Du kannst gehen —sagt Frau Holle.
Durch das Tor fällt kein Gold, sondern pechschwarzer Regen. Die faule Tochter kommt dunkel und unglücklich nach Hause.
Das fleißige Mädchen teilt Brot mit den Nachbarn. Es setzt sich abends an den Brunnen und sieht den Himmel an. Irgendwo, weit weg, schüttelt Frau Holle wieder ein Bett — und auf den Dächern der Welt liegt frischer, leiser Schnee.
Die Sonne sinkt langsam. Auf der Straße hört man Schritte, eine Tür, einen Hund. Niemand rennt. Das Dorf hat seinen normalen Rhythmus.
Es vergehen ein paar stille Minuten. Dann ruft eine ferne Stimme einen Namen. Ein Wagen rollt über Steine. Es riecht nach Brot und nasser Erde.
—Alles gut? —fragt eine Nachbarin aus dem Fenster. —Ja —antwortet man von unten—. Nur ein langer Tag.
Im Haus ist das Lampenlicht klein und gelb. Es gibt einen Stuhl, einen Tisch, einen Krug Wasser. Jemand schenkt ein Glas ein. Jemand setzt sich. Jemand sieht einen Moment zur Tür, als warte noch ein Besuch.
Draußen wird der Himmel dunkel. Die ersten Sterne kommen. Der Wind bewegt einen Ast. Eine Katze geht ohne Eile über den Hof. Auch die Nacht hat keine Eile.
Vor dem Schlafen wiederholen sie leise, was passiert ist: der Weg, die Angst, das Lachen, die Rückkehr. Es braucht keine Rede. Es reicht, zu Hause zu sein, mit ordentlichem Tisch und geschlossenem Fenster. Morgen wacht das Dorf wieder auf, und die Geschichte bleibt im Gedächtnis wie ein Märchen am Feuer.
Am nächsten Morgen wacht das Dorf mit einem fernen Glockenton auf. Fenster gehen auf. Man hört Wasser, Brot, ein Lachen im Hof. Wer das Abenteuer erlebt hat, steht ein wenig müde auf, aber leichter.
Auf dem Markt erzählt jemand Stücke der Geschichte. Nicht alle Details sind gleich: jeder erinnert etwas anderes — ein Haus, einen Namen, einen Brunnen, einen Frosch, einen Weg. Das ist normal. Lebendige Geschichten ändern sich ein wenig, wenn sie von Mund zu Mund gehen.
Gegen Mittag füllen sich die Straßen. Die Sonne steht hoch. Man kauft Obst, grüßt, geht mit Taschen nach Hause. Die Angst von gestern wirkt bei Tageslicht kleiner. Es bleibt aber ein Faden Staunen, wie ein Stein in der Tasche.
Am Nachmittag gibt es Zeit zum Ruhen. Ein Stuhl im Schatten. Ein Glas Wasser. Ein Kind fragt: «Und dann?» Der Erwachsene lächelt und antwortet ruhig, ohne Eile, denn das wahre Ende ist dies: wieder hier zu sein, zusammen, mit freien Händen und einem Haus, das der Luft offensteht.
Comprehension Quiz
Was fällt dem fleißigen Mädchen in den Brunnen?
Was soll das Mädchen bei Frau Holle tun?
Was fällt auf das fleißige Mädchen, als es durch das Tor geht?
Was bekommt die faule Tochter am Ende?
