Eine junge Prinzessin spielt im Schlossgarten mit einem goldenen Ball. Sie wirft ihn hoch und fängt ihn. Neben dem Garten liegt ein tiefer Brunnen mit klarem Wasser. —Noch einmal! —sagt sie und wirft.
Der Ball fliegt falsch. Plitsch! Er fällt in den Brunnen. Die Prinzessin weint. —Mein Ball! Mein goldener Ball!
Aus dem Wasser steigt ein Frosch. —Warum weinst du? —Mein Ball ist im Wasser —sagt sie. —Ich hole ihn —sagt der Frosch—. Aber du versprichst mir etwas: Ich darf dein Freund sein. Ich sitze an deinem Tisch. Ich esse von deinem Teller.
Die Prinzessin denkt nur an den Ball. —Ja, ja. Ich verspreche es.
Der Frosch taucht. Bald bringt er den glänzenden Ball. Die Prinzessin greift zu und läuft freudig ins Schloss — ohne den Frosch. —Warte! —ruft er. Sie hört nicht.
Am Abend sitzt die Familie am Tisch. Es klopft an der Tür. Der Frosch sitzt draußen. —Prinzessin, denk an dein Versprechen.
Der König hört die Geschichte. —Was man verspricht, hält man —sagt er ruhig—. Lass ihn herein.
Der Frosch sitzt am Tisch. Er isst ein wenig. Die Prinzessin ist still. Später bringt sie ihn, ungern, in ihr Zimmer. Sie ist müde und etwas ärgerlich. Doch in der Nacht — in dieser alten Geschichte — geschieht etwas Sanftes: der Frosch ist plötzlich kein Frosch mehr, sondern ein Prinz, der lange verzaubert war.
Am Morgen erklärt er mit ruhiger Stimme die alten Worte des Zaubers. Die Prinzessin versteht: ein Versprechen ist schwerer als ein Ball aus Gold. Im Garten glänzt die Sonne auf dem Brunnen. Der goldene Ball liegt auf dem Gras. Und zwei junge Leute gehen langsam durch den Schlossgarten, ohne ihn diesmal ins Wasser zu werfen.
Die Sonne sinkt langsam. Auf der Straße hört man Schritte, eine Tür, einen Hund. Niemand rennt. Das Dorf hat seinen normalen Rhythmus.
Es vergehen ein paar stille Minuten. Dann ruft eine ferne Stimme einen Namen. Ein Wagen rollt über Steine. Es riecht nach Brot und nasser Erde.
—Alles gut? —fragt eine Nachbarin aus dem Fenster. —Ja —antwortet man von unten—. Nur ein langer Tag.
Im Haus ist das Lampenlicht klein und gelb. Es gibt einen Stuhl, einen Tisch, einen Krug Wasser. Jemand schenkt ein Glas ein. Jemand setzt sich. Jemand sieht einen Moment zur Tür, als warte noch ein Besuch.
Draußen wird der Himmel dunkel. Die ersten Sterne kommen. Der Wind bewegt einen Ast. Eine Katze geht ohne Eile über den Hof. Auch die Nacht hat keine Eile.
Vor dem Schlafen wiederholen sie leise, was passiert ist: der Weg, die Angst, das Lachen, die Rückkehr. Es braucht keine Rede. Es reicht, zu Hause zu sein, mit ordentlichem Tisch und geschlossenem Fenster. Morgen wacht das Dorf wieder auf, und die Geschichte bleibt im Gedächtnis wie ein Märchen am Feuer.
Am nächsten Morgen wacht das Dorf mit einem fernen Glockenton auf. Fenster gehen auf. Man hört Wasser, Brot, ein Lachen im Hof. Wer das Abenteuer erlebt hat, steht ein wenig müde auf, aber leichter.
Auf dem Markt erzählt jemand Stücke der Geschichte. Nicht alle Details sind gleich: jeder erinnert etwas anderes — ein Haus, einen Namen, einen Brunnen, einen Frosch, einen Weg. Das ist normal. Lebendige Geschichten ändern sich ein wenig, wenn sie von Mund zu Mund gehen.
Gegen Mittag füllen sich die Straßen. Die Sonne steht hoch. Man kauft Obst, grüßt, geht mit Taschen nach Hause. Die Angst von gestern wirkt bei Tageslicht kleiner. Es bleibt aber ein Faden Staunen, wie ein Stein in der Tasche.
Am Nachmittag gibt es Zeit zum Ruhen. Ein Stuhl im Schatten. Ein Glas Wasser. Ein Kind fragt: «Und dann?» Der Erwachsene lächelt und antwortet ruhig, ohne Eile, denn das wahre Ende ist dies: wieder hier zu sein, zusammen, mit freien Händen und einem Haus, das der Luft offensteht.
Comprehension Quiz
Womit spielt die Prinzessin?
Wohin fällt der Ball?
Was verspricht die Prinzessin dem Frosch?
Was wird aus dem Frosch am Ende?
