Im dichten, heißen Dschungel lebt ein großer Löwe. Der Löwe heißt Leo. Er hat eine lange Mähne und eine sehr laute Stimme. Wenn Leo brüllt, fliegen die Vögel weg und die Affen verstecken sich in den Bäumen.
Leo jagt am Tag und schläft am Nachmittag unter einem großen Baum. Niemand kommt nah, wenn er schläft. Alle haben Angst vor dem großen Löwen.
An einem heißen Tag rennt eine kleine Maus im Gras. Die Maus heißt Riko. Riko sucht Körner und Krümel. Er schaut nicht gut auf den Weg. Plötzlich rennt er über Leos Pfote.
Leo öffnet ein Auge. Dann das andere. Er steht langsam auf. Riko hält an. Er hat große Angst. —Wer bist du! —brüllt Leo—. Eine kleine Maus in meinem Schlaf! Ich kann dich in einer Sekunde essen!
Riko spricht schnell mit zitternder Stimme. —Bitte iss mich nicht. Ich bin klein, das ist wahr. Aber eines Tages kann ich dir helfen. Eines Tages. Bitte lass mich frei.
Leo sieht die Maus an. Dann lacht er laut. —Du? Mir helfen? Ha! Ich bin groß. Du bist klein. Was kannst du tun?
Aber Leo hat nicht viel Hunger. Er hat nur Schlaf. Er bewegt die Pfote und lässt Riko frei. —Geh —sagt er—. Und tritt nicht wieder auf meine Pfote.
Riko rennt in sein Loch. Er ist froh, frei zu sein. Viele Tage sieht Riko Leo nicht. Leo jagt, frisst und schläft. Der Dschungel geht seinen normalen Weg.
Eines Tages kommen Jäger in den Dschungel. Sie bringen starke Netze und Seile. Sie gehen leise. Sie wollen den großen Löwen fangen.
Leo sieht das Netz nicht. Er geht auf einem schmalen Weg zwischen den Bäumen. Plötzlich fällt das Netz. Leo brüllt und springt, aber das Netz ist stark. Er kann nicht raus. Er zieht und zieht. Die Seile tun weh. Leo ist traurig und hat Angst. Er brüllt wieder, sehr laut.
Riko hört das Brüllen aus seinem Loch. Das Brüllen ist anders: kein Jagd-Brüllen. Es ist ein Hilfs-Brüllen. Riko kommt raus und rennt im Gras. Er rennt zum Geräusch.
Als er ankommt, sieht er Leo im Netz. Der große Löwe kann sich nicht gut bewegen. —Leo —sagt Riko—. Ich bin es. Die kleine Maus.
Leo schaut nach unten. —Riko… ich komme nicht raus. Das Netz ist stark. Ich habe Angst.
Riko lacht nicht. Er spricht nicht viel. Er fängt an zu arbeiten. Mit seinen kleinen Zähnen beißt er ein Seil. Er beißt und beißt. Das Seil ist dick, aber Riko hört nicht auf. Nach und nach öffnet sich ein Seil. Dann ein anderes. Dann ein anderes.
Leo wartet. Er brüllt jetzt nicht. Er atmet langsam und sieht die Maus an.
Am Ende ist ein großes Loch im Netz. Leo drückt mit dem Körper. Das Netz öffnet sich mehr. Der Löwe kommt raus. Er ist wieder frei.
Leo schüttelt sich und sieht Riko an. —Danke, kleiner Freund —sagt er leise—. Heute hilfst du mir. Heute bin ich frei durch dich.
Riko lächelt. —Eines Tages habe ich gesagt, ich kann helfen. Heute ist dieser Tag.
Die zwei hören ein Geräusch weit weg: die Jäger kommen zurück. Leo und Riko warten nicht. Sie rennen zusammen in den tiefen Dschungel, wo die Bäume dicht und der Boden weich sind.
Als die Gefahr vorbei ist, halten sie an einem Bach. Leo trinkt Wasser. Auch Riko trinkt ein wenig am Rand. Die Sonne sinkt zwischen den Blättern.
—Jetzt sind wir Freunde —sagt Leo. —Freunde —wiederholt Riko.
Der große Löwe und die kleine Maus gehen eine Weile nebeneinander. Dann geht Riko zurück in sein Loch, und Leo legt sich unter einen Baum. Diesmal, wenn er die Augen schließt, ärgert er sich nicht, wenn ein kleines Geräusch nahe vorbeigeht. Der Dschungel ist wieder ruhig, und zwei Freunde leben darin.
